Revolution als Beruf? Zur Biographie des ersten DDR-Innenministers Carl Steinhoff

Dr. Lutz Maeke

Carl Steinhoff avancierte 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) zum Präsidenten der brandenburgischen Provinzialverwaltung sowie anschließend zum ersten Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg – und zwar ohne über eine einschlägige kommunistische Biographie zu verfügen. Seit 1923 Mitglied der SPD, stieg der promovierte Jurist Steinhoff während der Weimarer Republik im preußischen Staatsdienst bis zum Vizeoberpräsidenten auf. Nachdem er 1932/33 aus allen öffentlichen Ämtern entfernt worden war, lebte er während des „Dritten Reiches“ zurückgezogen mit seiner Familie in Wilhelmshorst, unweit von Potsdam. Nach Kriegsende gab Steinhoff seine gemäßigten sozialistischen Überzeugungen rasch zugunsten der kommunistischen Ideologie auf. Den Zusammenschluss von SPD und KPD forcierte er maßgeblich und gehörte mehrere Jahre als Kandidat dem obersten Führungsorgan der 1946 gebildeten SED an. 1949 wurde Carl Steinhoff schließlich zum Innenminister der DDR ernannt. Eine Nachkriegskarriere, die 1952 mit seiner Demission als Regierungsmitglied jäh endete. Dem ehemaligen Sozialdemokraten wurden im Zuge des verkündeten „Aufbaus der Grundlagen des Sozialismus“ in der DDR politische Loyalität und fachliche Eignung abgesprochen. Steinhoff verlor drei Jahre später auch seinen Lehrauftrag an der Ost-Berliner Humboldt-Universität und geriet endgültig ins politische Abseits. Bis zu seinem Tod 1981 lebte er in Wilhelmshorst; für ihn eine Zeit der politischen Selbstreflexion.

Photo von Carl Steinhoff, Minister des Innern der DDR

Carl Steinhoff.
(Quelle: SLUB Dresden/Deutsche Fotothek, Abraham Pisarek)

Die Biographie Steinhoffs ist Teil der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie vor und nach 1945 und lässt zugleich diverse Facetten der vonseiten der SED betriebenen Instrumentalisierung bürgerlich-liberaler Politiker der Weimarer Republik idealtypisch erkennen. Sie adressiert damit Fragen nach tradierten politischen Prägungen und Selbstverständnissen sowie nach Motiven, Erwartungen und erfahrenen Grenzen des Engagements jener Personen. Um Charakteristisches im Falle Steinhoffs fassen und seine Person adäquat verorten zu können, soll die Biographie mittels eines prosopographischen Zugangs untersucht werden. Hierbei ist sie einerseits mit den Lebensläufen von in der SBZ/DDR maßgeblich involvierten „bürgerlichen“ Politikern zu kontrastieren, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten in Bezug auf Motive, Kompromissbereitschaft und Anpassungsstrategie aufzuzeigen. Andererseits muss beides in den Blick genommen werden: Steinhoffs SPD-Sozialisation sowie sein herausgebildetes Rechts- wie Politikverständnis. Dies geschieht ausgehend von einem Vergleich mit anderen Exponenten des Typs „Akademiker“, die wie Steinhoff in der Weimarer SPD den „Autodidakten“ gegenüberstanden.